Karina, Wachstumsstörung

Karina, Wachstumsstörung

Mein Name ist Karina Holtkamp. Ich bin 20 Jahre alt und komme aus Ostbevern (Nähe Münster).

 

Ich leide an einer Wachstumsstörung. Ich habe seit meiner Geburt ein extrem verkürztes Bein. Mein rechtes Bein ist nie wirklich mitgewachsen. Also wurde ich das erste Mal im Alter von 5 Jahren unters Messer gelegt und bekam einen sogenannten Fixateur. Wenn der Fixateur eingesetzt wird, wird der Oberschenkelknochen gebrochen und es kommen ober- und unterhalb des Knochens jeweils 3 Schrauben rein, die an der Schenkelaußenseite rausgucken. Die Schrauben sind durch eine senkrechte, ca. 3 cm dicke Metallstange miteinander verbunden. An dieser Metallstange ist ein kleines, sechseckiges Loch an dem ich mit einem Inbusschlüssel jeden Morgen und jeden Abend eine Runde drehen musste (am Tag 1 mm, 4,5 cm also 45 Tage). Dadurch das ich mit diesem Ding nicht laufen konnte/wollte hieß es für mich ab in den Rollstuhl. Die Schrauben vom Fixateur mussten jeden Tag geputzt und gepflegt werden, da es ja offene Wunden waren. Nachdem die ganze Tortur vorbei war musste das Ding noch 1 Jahr drinbleiben damit der Knochen seine Zeit hatte, um wieder zusammen zu wachsen. Mit 12 Jahren das Ganze dann noch einmal (4cm rausgeholt).

Die 3. Beinverlängerung (mit 15 Jahren) lief dann problematischer ab. Es gab eine neue Methode mit einem Nagel von innen. Der Nagel kam in den Knochen und hat sich automatisch, durch eine bestimmte Beinbewegung, auseinander gedreht. Dieser Nagel hatte sich in meinem Bein höllisch Entzündet (und ich schwöre es euch, das waren die schlimmsten Schmerzen die ich je hatte), somit musste der Nagel nach kurzer Zeit durch einen neuen ersetzt werden. Da kam das nächste Problem, meine Kniescheibe. Wir konnten in dem Durchgang nur 3,5 cm rausholen, weil die Gefahr zu hoch war, dass meine Kniescheibe das nicht mitmacht. Der Nagel musste dann wieder 1 Jahr in meinem Oberschenkel bleiben, damit der Knochen wieder nachwachsen kann. Zu guter Letzt kam die 4. Beinverlängerung, die komplett unproblematisch ablief. Neue Methode, neuer Versuch. Bei diesem Vorgang bekam ich einen Nagel in den Oberschenkel der durch einen Magneten, den ich nur auf mein Bein legen musste, verlängert wurde. Hier haben wir am Ende noch einmal 4 cm rausgeholt. (Insgesamt also ca. 16 cm).

Zur Physiotherapie gehe ich auch heute noch. Während meiner Schulzeit wurde ich oft gemobbt und als Krüppel bezeichnet, was mir damals auch sehr naheging. Selbst meine damaligen besten Freunde haben mich hängen lassen. Meine Lehrer haben mich aufgrund meiner vielen Fehlzeiten immer gut unterstützt und auf mich Rücksicht genommen. Momentan mache ich eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel. Von meinen Arbeitskollegen werde ich ganz normal behandelt. Sie akzeptieren mich so wie ich bin, auch mit Handicap. In der Öffentlichkeit werde ich oft blöd angeschaut, weil ich, aufgrund der Schiefstellung meiner Hüfte, hinke. Aber es ist mir egal, würden sie meine Vorgeschichte kennen würden sie anders denken! Ich werde auch des Öfteren angesprochen und gefragt warum ich so viele Narben habe, aber das macht mir nichts aus, ganz im Gegenteil, ich erzähle den Menschen meine Geschichte gerne! Ich habe mir vor kurzer Zeit den Spruch „Who fights can lose who does not fight has already lost“ tätowieren lassen, da dies der Spruch ist der mich immer wieder aufgebaut hat als ich am Boden war.

Mittlerweile habe ich gelernt meinen Körper, auch mit unzähligen Narben, so zu akzeptieren wie er ist, weil ich es eh nicht ändern kann und meine Narben halt ein Teil sind, von dem Weg den ich gegangen bin. Meine zwei besten Freundinnen Janina und Julia, habe ich auch sehr viel zu verdanken, weil sie während der Zeit mit mir durch dick und dünn gegangen sind und auch heute immer noch an meiner Seite stehen und mich so lieben wie ich bin. An dieser Stelle möchte ich meinen Schwestern und ganz besonders meiner wundervollen Mama danken, ohne die ich nie so weit gekommen wäre und mich selbst schon aufgegeben hätte. Ich liebe euch über alles! Selbst wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich mein Leben (mit der Unterstützung meiner Liebsten, meiner Physiotherapiepraxis und meinen Ärzten) genauso leben, wie ich es bis jetzt getan habe. Ich wollte ein Teil dieses Projektes sein um Menschen, die einen steinigen Weg hinter sich oder vielleicht noch vor sich haben, zu beweisen, dass sich durchhalten und stark sein lohnt, denn niemand ist perfekt, nur das Leben ist es manchmal! Also bleibt stark und lebt eure Träume, es lohnt sich! Und für die Menschen, die sich darüber lustig machen oder sich sogar ekeln, hört euch erst einmal die Geschichte über den Menschen an, denn die Menschen haben eine schwere Zeit durchgemacht und sind wunderschön, so wie sie sind.

Eure Karina

Autorin: Karina Holtkamp // Fotografie: Nina Gausling


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Kommentare: 3
  • #1

    der Typ da (Samstag, 06 Mai 2017 08:49)

    Du bist einfach wunderschön karina, sowohl äußerlich, als auch vom Charakter <3

  • #2

    Nina (Samstag, 24 Juni 2017 02:47)

    Finde ich sehr bewundernswert, deinen Werdegang! Toll, dass du weißt, dass das Mobbing einfach nur zu Unrecht ist, da sich keiner mit normal-wachsenden Beinen vorstellen kann, was für Torturen du da durchgestanden hast! Meinen Respekt hast du! �

    Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft und dass die Leute, die meinen gemein zu dir zu sein, auch mal etwas widerfahren, dass sie mal nachdenken lässt wie man mit anderen umgeht.

  • #3

    Steffi (Freitag, 14 Juli 2017 01:46)

    Wow du bist bildhübsch! Wenn man deine Geschichte kennt, findet man die Narben einfach nur schön...denn sie stehen für etwas! Sie stehen für dich, deine Stärke und die Hilfe die du bekommen hast.